11 August 20112,048 viewsKein Kommentar

Eine Einführung in die Straßenfotografie

Von Paul Treacy, Juli 2011

“Street photography does have a role
It speaks of our time, of society’s soul
Of technology, of fashion, of societal norms
How it conflicts, how if conforms
To notions of decency, taste and behaviour
Of things that disgust, of moments to savour.”

„Straßenfotografie hat doch seinen Platz
Es spricht über unser Zeitalter, über die Seele der Gesellschaft
Über Technologie, über Mode, über soziale Normen
Wie diese widersprechen, wie sie sich anpassen
Die Auffassung von Anstand, Geschmack und Verhalten
Die Dinge die empören, die Momente zum Genießen.“
(Übersetzung WEX )

Zwei Jungs an einer Londoner Bushaltestelle. © Paul Treacy

Diese Worte stammen aus dem Jahr 2009 und finden sich im Vorwort meines Buchs „Mixed Messages“. Sie alleine reichen schon aus, um zusammenzufassen, was Straßenfotografie für mich – und sicherlich auch für viele andere – bedeutet.

Ich bezeichne mich selbst in erster Linie als Straßenfotograf. Erst dann sehe ich mich auch als Auftragsfotograf und Filme-Macher. Und die meisten Shots die mir auf den Straßen gelingen, mache ich auf dem Weg zu einem Auftrag, während des Einkaufes, oder wenn ich meine Söhne von der Schule abhole. Ich habe tatsächlich immer eine Kamera dabei und kann schon gar nicht mehr ohne Kamera das Haus verlassen.

Mit einem Hund fing alles an.

Als ich jünger war, hatte ich einen Hund namens Tom. Er war ein enorm wichtiger Bestandteil meines Lebens und immer ein treuer Begleiter, aber ich konnte ihn nicht mit zur Kunstschule nehmen. Also habe ich ihn stattdessen fotografiert. Nach dem Schulabschluss bin ich nach England gezogen und habe ein Fotografie-Studium begonnen. Die Fotos meines Hundes sind für mich dann natürlich sehr, sehr wertvoll gewesen. Schon immer habe ich gerne Hunde und die dazugehörigen Menschen abgelichtet.

Im Jahr 1999 bin ich nach New York gegangen um am „International Center of Photography“ unter Anleitung der fabelhaften Joan Liftin studieren zu können. Es ist mir zugegebenermaßen schwer gefallen mich hier zu entfalten. Ich hatte zuvor für die „Press Association“ in London gearbeitet und habe mir dort einige, recht eigene, Arbeitsmethoden angeeignet. Aber Joan’s Mann, Charley Harbutt half mir unheimlich. Sein Workshop hat wirklich alles verändert. Ich habe gemerkt, dass die kleinen Momente zwischen den großen Events die wertvollsten sind.

Ein Spaziergang mit Luftballons in New York City. © Paul Treacy

Bei der Straßenfotografie geht es in erster Linie darum, eine Art visuelles Protokoll über unser derzeitiges Zeitalter zu führen, und ich denke, dass die Straßenfotografie dies besser hin bekommt als vieles andere. Fernsehen ist nicht beliebig, sondern ausgewählt, aufpoliert und unterliegt zudem einem strikten Plan. Das gleiche gilt meiner Meinung nach für Zeitungen und Magazine. Straßenfotografie ist im Gegensatz dazu von Grund auf ehrlich, nicht gestellt und spricht Bände über unseren urbanen Lebensstil, über Mode und Technologie – so wie ich es schon in dem oben stehenden Zitat angemerkt habe.

Wozu braucht man Straßenfotografie?

Erstens muss man unbedingt auf passendes Schuhwerk achten! Ich mache das immer an einem alten irischen Sprichwort fest: „Was nützt einem ein Regenschirm, wenn die Schuhe ein Loch haben?“ Straßenfotografie ist natürlicher Weise mit langen Stunden auf den Füßen und vielen Kilometern Fußweg verbunden – und das bei jedem Wetter, auch wenn sich einige Fotografen wohl eher als „Schönwetterfotografen“ bezeichnen. Ich persönlich finde jedoch auch graues und nasses Wetter recht attraktiv, da manche Farben dann wirklich atemberaubende Effekte zeigen. Neben Schuhen mit möglichst leisen Sohlen, damit man sich – wenn nötig, auch halbwegs leise bewegen kann – wird man sicherlich die ein oder andere Flasche Wasser benötigen. Andererseits sollte man aus praktischen Gründen auch nicht zu viel trinken, aber gut geölt lässt es sich wesentlich besser denken und man ist garantiert kreativer. Wenn man aber zu viel trinkt, muss man sich auch des öfteren erleichtern – was mich direkt zu meinem nächsten Punkt bringt:

Es kann nicht schaden, sich vorab darüber zu informieren, wo öffentliche Toiletten zu finden sind. Genauso nützlich kann in diesem Zusammenhang auch genügend Kleingeld sein, weil die notwendigen Zwischenstopps auf Dauer auch ein wenig ins Geld gehen können.

Da viel Bewegung bei der Straßenfotografie absolut entscheidend ist, ist es auch wichtig darauf zu achten, dass man selbst beweglich bleibt. Am besten achtet man ein wenig auf seine Ernährung und einige Dehnübungen am Morgen können zumindest nicht schaden. Man ist sicherlich ruhiger und ausgeglichener, weil man wirklich klarer denken kann. Und weil die interessanten Dinge oft recht spontan und schnell um einen herum passieren, kann man dann gut hin und her tänzeln und sicherlich tolle Bilder festhalten.

Die königliche Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton. Schaulistige am Trafalgar Square tragen Papp-Masken von der Queen auf ihren Hinterköpfen. © Paul Treacy

Einer der schwierigsten Aspekte die mich bei der Straßenfotografie immer noch nervös machen sind Fragen wie: Wo soll ich nur hin? Soll ich vielleicht genau hier bleiben? An der nächsten Kreuzung links? Oder vielleicht doch rechts? Oder wieder dorthin zurück, wo ich gerade hergekommen bin? Tja, und dann kommen auf einmal auch noch die übrigen Sinne mit ins Spiel: Gerüche und Geräusche leiten oft zu interessanten Situationen und Örtlichkeiten. Man kann aber auch einfach mal mit der Masse mitlaufen, denn auch hierdurch ergibt sich häufig eine Dynamik, die an sehr interessante Orte führt. Auch wenn dies vielleicht nicht gleich jeder nachvollziehen kann: es ist genau dieser Instinkt, den die Arbeit auf der Straße braucht und ausmacht. Und je mehr Zeit man auf der Straße verbringt, desto mehr solcher „magischen“ Erfahrungen wird man machen – und man wird garantiert Spaß daran haben.

Es kann vorkommen, dass man auf eine interessante Gegend für Aufnahmen stößt und der Bann plötzlich gebrochen wird, da man sich erleichtern muss oder Müdigkeit oder Hungergefühl einen überkommen. Man ist sich dann vielleicht nicht mehr vollkommen sicher, wo genau man ist oder wie man überhaupt an diesem Ort gelandet ist. Aber man wird feststellen, dass man einige tolle Bilder gemacht hat und etwas Neues über die Menschheit und sich selbst gelernt hat.

Manchmal habe ich irgendwie den Eindruck, dass die Welt um mich herum immer langsamer wird, desto schneller ich selbst gehe. Wenn genau das passiert, kann ich wirklich alles aufschnappen – egal ob direkt vor meiner Nase, oder ganz in einer Ecke versteckt. Mir entgeht dann nichts mehr. Ich werde plötzlich allem gegenüber sehr aufmerksam und sensibel – fast so, als bewege sich die Welt in Zeitlupe. Wenn ich diese Art Bewusstsein erreiche, weiß ich ganz genau, dass ich gute Aufnahmen machen werde. Und je älter ich werde, desto größer wird meine Fähigkeit diesen Zustand zu erreichen. Manchmal kann ich die nötige Konzentration auch erreichen wenn ich einfach nur ruhig stehe und die Welt um mich herum auf mich wirken lasse, anstatt ihr nachzulaufen. Aber man merkt ziemlich schnell, wie man sich am besten konzentrieren kann.

Eine schwarze Katze die nur an Ihrer Vordertatze an einem Süd-Londoner Fensterrahmen hängt.
© Paul Treacy

Ein paar Punkte zu den fotografischen Aspekten…

Die Fotos sollten immer manuell gemacht werden. Oft wird auch empfohlen im Blenden-Priorität-Modus zu arbeiten – dem würde ich allerdings nicht zustimmen. Wenn man beispielsweise eine interessante Person ablichten möchte und gerade in diesem Moment fährt ein weißer Transporter vorbei, der dann sehr viel Licht schluckt, ist das Bild im Automatik Modus quasi ruiniert. Und es gibt wirklich sehr viele weiße Transporter. Man gewöhnt sich am besten daran die Einstellungen sofort entsprechend anzupassen, sobald man sich im Schatten oder in hellem Licht bewegt. Wenn man sich zwingt die Einstellungen immer konsequent anzupassen, macht man es irgendwann ganz automatisch. Zudem sollte man sich auch mir den gebräuchlichsten Belichtungszeiten bei unterschiedlichsten Lichtverhältnissen vertraut machen. Das kann wirklich wichtig und nützlich sein, und wenn man sich hier ein wenig auskennt, benötigt man auch keinen Belichtungsmesser. Egal wo ich gerade bin, ich weiß immer genau wie die Einstellungen meiner Kamera gerade sind, und was am Bildaufbau gerade am wichtigsten ist. Wenn man das Ganze eine Zeit lang trainiert, gewöhnt man sich wirklich schnell daran.

Um die Zeit zu minimieren, in der man die Kamera vor der Nase hat, ist es ganz nützlich, sich ein wenig mit dem „Vor-Fokussieren“ zu beschäftigen. Man sollte sein Gefühl für Entfernungen schärfen: Ist die Person nun 3 oder 4 Meter entfernt? Wie breit ist in etwa die Straße? Solche Geschichten halt. Man muss dann nur noch das Objektiv richtig einstellen und sich nicht noch großartig an einem Eyecatcher orientieren, was im Zweifel so lange dauert, bis die interessante Situation schon wieder passé ist. Die zweite Möglichkeit ist folgende: Erst aufnehmen, dann fokussieren. So hat man zumindest den Moment festgehalten und es ist sehr wahrscheinlich, dass es gestochen scharf ist, wenn man die Schärfentiefe beachtet. Wenn die Situation jetzt immer noch interessant erscheint, dann lohnt es sich auch ein bisschen mehr Zeit in diesen Shot und die Fokussierung zu investieren. Die Belichtung wird schon makellos sein.

 

Eine einsame Person mit Aktentasche im Central Park South in Manhattan.
© Paul Treacy

Ich möchte aber auch noch etwas von meinen Kollegen der UK Street Collective sagen – Justin Sainsbury verfährt zum Beispiel nach dem Motto “Mach das Bild – ob es Tiefe und Ausstrahlung hat, wirst du später noch sehen” Er rät außerdem zu einem ordentlichen Mix. “Einkaufsstraßen, Parks, Events, Brücken. Halten Sie nach allem Ausschau, was irgendwie von der Norm abweicht. Es kommt natürlich auch auf das richtige Timing an, um Gesten und Bewegungen ideal darzustellen.“

Und um Richard Baker zu zitieren, “Für die Straßenfotografie braucht man definitiv Ausdauer und einen guten Blick. Zudem sollte man sich ständig bereit halten, denn man weiß nie, ob der nächste Shot schon in der nächsten Straße wartet.“

Ein Arbeiter repariert ein Teil eines Posters, was irgendwie zu einer Art optischer Täuschung führt.
© Paul Treacy

Zum Schluss möchte ich noch ein wenig über die Sprache der Fotografie sprechen. Sie ist eigentlich immer falsch. Sie ist aggressiv. Shooting. Shots. Bilder schießen. Eigentlich mag ich die Sprache nicht wirklich. Und die Öffentlichkeit mag Sie in der Regel ebenso wenig.

Wenn ich in der Öffentlichkeit darauf angesprochen werde, warum ich jetzt hier gerade Fotos mache, versuche ich meine Motivation immer möglichst einfach und verständnisvoll darzustellen. Oft frage ich die Passanten anschließend sogar: „Darf ich jetzt auch ein Foto von Ihnen aufnehmen?“ Die meisten Leute verlieren schnell Ihre anfängliche Skepsis und reagieren ebenso freundlich. Und selbst das ist ein kreativer Prozess. Ein Foto wird nicht einfach so „gemacht“, es wird aufgenommen und erschaffen. So einfach ist das. Ich sage immer: Sage es so, wie es ist.

Viel Glück

Paul Treacy ist ein renommierter Straßenfotograf. Zu seinen Kunden zählen beispielsweise das New York Times Magazine, die Irish Times, Guardian und Independent. Er ist Gründungsmitglied der UK Street Collective, ein Zusammenschluss von insgesamt drei Straßenfotografen, der im März 2011 gegründet wurde.

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